Manche alten Leute behaupten ja, die Kinder würden heute nichts Vernünftiges mehr lernen, weil sie die ganze Zeit vor dem Fernsehen sitzen. Typisch alte Leute! Ist es nicht gerade das Fernsehen, das uns die weite Welt direkt ins Wohnzimmer bringt, und aus dem wir für das Leben sehr viel mehr lernen, als aus staubigen Schulbüchern? Gerade in Schweden, wo sich das chronisch defizitäre Budget wie ein tödlicher Giftzahn in das Mark der Volksbildung bohrt, bleibt bald nur noch das Fernsehen als einziger Informationsquell für die Jugend.

Zum Beispiel habe ich am Freitag und am Samstag in zwei verschiedenen Filmen jeweils eine neue Genickbruchtechnik in Nahaufnahme vorgeführt bekommen. Ausserdem bekam ich noch, mit einer spannenden Agentengeschichte umrahmt, eine Lektion in Biologie und Chemie. Nämlich, dass der biologische Kampfstoff Azetylphenylnitrat, wenn in Kontakt mit Wasser, nach Einatmen zur einer Explosion des Magen-Darm-Trakts führt (genau genommen handelte es sich demnach um einen chemischen Kampfstoff, aber wir sind ja keine Korinthenkacker). Als Dr. Berg, der Schöpfer dieser Substanz, im Begriffe war, Opfer seiner eigenen Erfindung zu werden, befürchtete ich schon das Schlimmste. Von den weissen Wänden triefende Scheisse als Folge explodierten Magen-Darm-Trakts.

Aber Dr. Berg verdrehte nur die Augen, griff sich an den Hals, röchelte ein wenig und sank dann ganz ästhetisch in sich zusammen. (Wem das zu schlaff war, der konnte fünf Minuten später auf seine Kosten kommen, als Michael Douglas einem der Bösewichter eine Ladung Blei in die Klöten verpasste).

Dies ist ein Beispiel für eine fruchtbare Symbiose aus alten und neuen Lernmethoden. Inspiriert von Mike Douglas werden unsere Kinder jetzt die Chemiebaukästen und Schulbücher ihrer Väter vom Speicher holen, und die regnerischen schwedischen Nachmittage der Synthese von Azetylphenylnitrat widmen.

Bekanntlich liegt ein Schwerpunkt des schwedischen Bildungswesens im Bereich der Erwachsenenbildung. Wer also schon zu groß dafür ist, um Gangstern eigenhändig Handwerk und Hals zu legen und zu brechen, oder um die Därme des Mathelehrers zusammen mit denen der verhaßten Klasse 7a in die Luft zu sprengen, auch für den gibt es natürlich immer etwas zu lernen im Program SVT3.

Gestern habe ich zum Beispiel ein neues deutsches und gleichzeitig ein neues schwedisches Wort gelernt. Und zwar in einem amerikanischen Film, der aber in Deutschland spielt (nein, diesmal nicht Mission Impossible). So wie in ein Amerikaner in einem deutschsprachigen Film ständig "Yeah" oder "Fuck" oder ein Franzose "Parbleu!" sagt, so sagen auch hier die Schauspieler gelegentlich ein deutsches Wort. In diesem Falle hieß das Wort "Putziwutzi" (so rief die vollbusige Dame nach ihrem Gatten). Im schwedischen Untertitel wurde dieses Wort als Pussgurka übersetzt. Wenn Ihr also mal nach Schweden kommen solltet, und nicht so recht wisst, was Ihr sagen sollt, dann sagt doch einfach "Pussgurka". Nebenbei bemerkt war Pussgurka ein ziemliches Arschloch, hat er doch seine Alte mitten im Geschlechtsverkehr umgebracht. Die war allerdings auch nicht besonders helle, hatte es doch ziemlich lang gedauert, bis sie gemerkt hatte, dass Pussgurka gar nicht Pussgurka war, sondern ein anderer. Woran sie es dann doch gemerkt hatte, das wird uns im Film nicht verraten, und sie kann es uns nicht mehr erzählen.

20. März 2000

Wunderbares Wurzelwerk

Wie ich bereits angekündigt habe, hat unser Chef heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Heute ist er aber nicht da, richtig gefeiert wird daher erst morgen. Und für morgen soll dann jeder etwas zum Essen für alle mitbringen. Getränke jedoch kauft jeder seine eigenen für sich selbst, so wie das in Schweden üblich ist. Ich zum Beispiel werde morgen vor meiner Flasche Château le Grave, 1997, 12.5% Alkohol sitzen, und mit meinem Nachbarn, der zum Beispiel ein Stark Öl hat, auf unseren Chef anstoßen.

Als ich aber heute in den verschiedenen Läden nach Zutaten gesucht habe, ist mir aufgefallen, dass ich bei meinem ewigen Gemecker über das schwedische Essen etwas Wichtiges vergessen habe: Es gibt einige Gemüsearten, die in Schweden sogar besonders gut sind. Sie sind nur heute nicht mehr allzu populär.

Kallröt. Ein riesiges wisses rundes Ding, wenn man es aufschneidet innen orange. Schmeckt leicht bitter-süßlich. Ähnlich unserer Saurübe.

Svartrot. Schwarzwurzel. Gibt es hier in jedem Supermarkt. Hat einen unvergleichlichen Geschmack nach Rauch und Leder. Die braunen Erdkrümel, die ständig von der rauhen Oberfläche runterfallen, versiffen einem garantiert jede Einkaufstasche und jeden Kühlschrank. Bocuse muss sich jedesmal die Hacken wundlaufen, wenn er in der Großmarkthalle von Paris diese Zutat für sein Schwarzwurzelpuree braucht.

Pålsternack. Pastinake. Schmeckt wie Mutter Erde, wenn man sie, so wie die Schweden es mögen, bis zur Breiigkeit einkocht. Mann kann sie aber auch in Scheiben in der Pfanne mit Zitrone braten (aber das mögen die Schweden wiederum nicht).

Rättika, Pepperrot, Selleri. Rettich, Meerrettich, Sellerie, alles die Gemüse aus dem Untergrund, wachsen in Schweden in einer ausgezeichneten Qualität. Auch gelbe Rübe und Kartoffel stehen ihnen in nichts nach. Warum nur lichtscheue Gewächse hier gedeihen, kann ich leider nicht beantworten. Sind es die langen Winternächte, die lichthungriges Kraut zum Verzweifeln bringen? Oder sind es umgekehrt die langen Sommertage, die ihm die Nachtruhe verwehren, so dass es schließlich an Erschöpfung eingeht? Ich kann es Euch leide nicht verraten.